Leberwurst

Car is over, say goodbye war ursprünglich als zweitägiger Autosalon im Mai 2020 in der Werkstatt des Hauses der Statistik geplant. Dann kam Corona – der Rest ist Geschichte. Auch wir begrüßen unsere Mitfahrer:innen stattdessen fürs Erste digital.


Das Auto ist in die Matrix der deutschen Geschichte eingeschrieben wie das Fett in die Leberwurst. Vom VW-Komplex bis zum Diesel-Skandal tritt uns das deutsche Auto in seiner ganzen Brutalität entgegen. In wohlständiger Zärtlichkeit brachte die alte Bundesrepublik, die VW-BRD, mittels des Autos – streng aber loyal unterstützt von den Gewerkschaften – Volk und Proletariat auf direktem Weg in den Mittelstand.


Hippies und Banker, Handwerker und Manager (männliche Form hier mal beabsichtigt), trafen im Auto und seinen industriell gefertigten und von der Werbung aufmerksam vermarkteten Auto-Typen über die Jahrzehnte auf ein tiefes Verständnis ihrer kulturellen, gesellschaftlichen und nationalen Befindlichkeiten. Im Auto fanden und finden wir Solidität und Freiheit, Familiarität und Unabhängigkeit, Luxus und Distinktionsgewinn.


Der VW-Käfer fuhr uns nach Italien, die Italiener brachte er als sogenannte Gastarbeiter zu uns. Das Auto bringt uns zur Arbeit, die Arbeit uns das Auto.
Der absurde Widersinn des Autos – oder sollen wir sagen sein Wahnsinn – wie er uns im Stau entgegen tritt, in Tausenden von Leichen und Schwerverletzten am Wegesrand, in dominanter innerstädtischer Verkehrslenkung, in der Feinstaub-Vergiftung, der autozentrierten Stadtplanung oder schlicht der Parkplatzsuche, hat unserem fetischistischen Verhältnis zu ihm nie einen Abbruch getan, sondern es im Gegenteil gestärkt.


Ein ganz großes Ding, dies Auto. Gegeben von Natur, Gott, immerdar? Leben und Werk. Biografie. Durchdringer von Träumen, Konzipierer von Selbstverständnissen.
Jedoch.
So langsam.
Seismographisch erfassbar. Mehren sich die Hinweise.

Das Ende einer Republik, das Ende einer Industrie. Das Ende einer Ära hat begonnen. Gerade erst. Genau wie der Kampf. Erbittert wird er geführt werden. Das ist schon abzusehen. Doch auch die Nostalgie ist schon da. Die Vergangenheit, im Angesicht des Autos. Und am Horizont sind die ersten Umrisse anderer Mobilitätskonzepte zu erkennen. Noch sind sie unscharf. Dann wieder findet man sie schon überraschend konkret ums Eck.


Mobilität, was ist das?
Wir wollen den Abschied vom Auto wie wir es kennen, vorantreiben. Den Umrissen da vorne wollen wir Schärfe geben.
Wir wollen unsere Straßen, unsere Städte sehen.
Wir wollen dem Raum nachspüren, der sich auftut, der Stille, den Möglichkeiten. Wir wollen achtgeben auf die neuen Perversionen, die lauern und schon dabei sind, den Horizont zu verstellen.


Ein weites Feld. Wir fangen an.

 

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